"Pädagogik im Aufbruch" von Prof.Dr. Gerald Hüther

 

Die frühkindliche Förderung wird immer häufiger und zeitlich immer länger in öffentliche Einrichtungen ausgelagert. Macht es Sinn, die Eltern von der Verantwortung zu entbinden?

Tatsache ist, dass es immer mehr Eltern gibt, die das Bedürfnis, für ihr Kind eine gewisse Zeit lang da zu sein, nicht verspüren. Vermutlich auch aus Angst, dass sie selbst in ihrer Entwicklung zurückgeworfen werden, wenn sie aus dem Beruf aussteigen. Wir leben in einer extrem gesteigerten Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft, in der kein Platz mehr für Menschen ist, die sich auch noch anderen Aufgaben widmen wollen. Wenn Kinder sehr früh lernen, mit Gleichaltrigen zurechtzukommen, scheint das auf den ersten Blick sozialisierungsfördernd. Sie entwickeln eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit. So wird die Art und Weise, wie wir im Augenblick zusammenleben, stabilisiert: konkurrenz-, leistungs- und karriereorientiert. Immer schauend, wie man andere für seine Zwecke benutzen kann oder wie man seine eigenen Interessen in einer Gemeinschaft durchsetzen kann. Dafür werden die Kinder in diesen Einrichtungen gut vorbereitet. Wenn wir da etwas ändern wollen, müssten wir die Bedeutung von Elternschaft ins Bewusstsein zurückbringen. Haben Eltern ein starkes Interesse daran, dass ihr Kind sich nicht an anderen orientiert, Eigensinn und ein Gefühl für die Bedeutung der eigenen Person entwickelt, ist der enge emotionale Kontakt zu ihnen Voraussetzung.

In Schweden ist das Modell der Väterkarenz stark verankert. Welche Bedeutung hat dies für die Entwicklung des Kindes - und des Mannes?

Dort haben die Unternehmen erkannt, dass ein Mann nach einem Elternurlaub als wertvollerer Mitarbeiter zurückkommt. Die Väter lernen in dieser Zeit mit dem Kind, wie man später im Job eine andere Person einlädt, ermutigt und inspiriert, die in ihm angelegten Fähigkeiten auch einzusetzen und seine Talente und Begabungen zu fördern. Das ist genau das, was die Väter mit ihren Kindern tun. Diese Erfahrungen verdichten sich im Gehirn zu einer Haltung. Der Mitarbeiter zeigt sich offener, toleranter, verständnisvoller und liebevoller. Es gibt also zwei Argumente, warum Kinder von ihren Eltern erzogen werden sollen. Erstens, weil die Kinder sich als Subjekte erleben und nicht zu konditionierten, auf den Umgang mit anderen ausgerichteten Personen werden, die sich immer wieder an den anderen orientieren. Das zweite ist, dass Eltern in einer Weise davon profitieren, wie man das durch betriebliche Fortbildungsprogramme gar nicht erreichen kann. Langfristig kann hervorragende Leistung nur erzielt werden, wenn man diese besonderen Eigenschaften in den Job mitbringt.

Aus: Wiener Zeitung, 01.09.2015

Auch wenn sich der Artikel hauptsächlich der Schulpädagogik zuwendet, ist er trotzdem sehr lesenswert. Schließlich lernen die Kinder auch schon vor der Einschulung und das Thema "Frühförderung" ist in aller Munde.

http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/bildung/schule/771991_Paedagogik-im-Aufbruch.html