Die mitfühlende Kindererziehung

Was ist Empathie? Dieses Wort hat jeder schon mal gehört, doch die konkrete Bedeutung ist Vielen nicht ganz klar. Im Allgemeinen kann man die Empathie mit dem Wort "das Mitgefühl" gleichsetzten. So bedeutet also die Empathiefähigkeit die Fähigkeit, sich in die Lage, in das Gefühl unseres Gegenübers hineinzuversetzten, seine Emotionen sozusagen mitzufühlen, sich ganz und gar auf ihn einzulassen. Gerade wenn es um negative oder schmerzhafte Erlebnisse und Empfindungen geht, die uns jemand schildert, ist Empathiefähigkeit eine enorm wichtige Qualität.

Mit Empathie ist „die erhöhte Empfänglichkeit für das Leiden einer Person, das als etwas zu Linderndes empfunden wird “, gemeint.(1)

Die Empathiefähigkeit nach Rosenberg ist eine Kompetenz, die bewusst trainiert werden muss. Dabei ist das emotionale Mit-Fühlen die erste Stufe der Empathie, ihre unbedingte Voraussetzung. Im Kommunikationsprozess geht es darum, die eigenen aufkommenden Empfindungen in den Hintergrund treten zu lassen um sich ganz auf die Gefühle und Bedürfnisse der anderen Person konzentrieren zu können. Rosenberg spricht von dem mitfühlenden „sich leer machen“, um sich mit ihr emotional zu verbinden, ihr das Gefühl zu vermitteln, sie ganz in ihrem Gefühlsausdruck zu verstehen.

 

Es kann auch passieren, dass man z.B. den Ärger des Gegenübers zunächst nicht nachvollziehen kann. Die Gewaltfreie Kommunikation eröffnet jedoch ein Feld, in dem man für jedes authentische Gefühl einen Raum zum Ausdruck findet – und sich als Zuhörer ganz und gar darauf einstellt, dieses Gefühl zu verstehen. Es geht  zunächst darum, einen solchen „Empathie-Raum“ zu schaffen, in dem sich die andere Person in ihren Gefühlen und Bedürfnissen angenommen, verstanden fühlt. Dieses „sich verstanden fühlen“ fördert die Reduzierung der Intensität der negativen Gefühle, wie des Ärgers oder der Wut. Infolgedessen ist die betroffene Person dank der empathischen Haltung des Zuhörers eher bereit, sich für seine Perspektive und Sicht auf die geschilderte Problematik zu öffnen.  Dies führt  zu einem fruchtbaren Austausch,  der wiederum die Suche nach wahren Bedürfnissen fördert, die hinter den schmerzlichen oder negativen Emotionen stehen. Dann wird es möglich, nach positiven Strategien zu suchen, um diese Bedürfnisse in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen anderer zu befriedigen.

 

Genauso wichtig, wie die nach außen gerichtete Empathie ist die Selbstempathie. Das gleiche Verständnis, das wir für Andere aufbringen wollen, müssen wir  uns selbst gegenüber zu empfinden lernen, denn diese Fähigkeit ist uns meistens verloren gegangen.

Den eigenen Gefühlen eine liebevolle Aufmerksamkeit entgegen zu bringen, ihnen einen Raum zu geben, sie im richtigen Moment im Kommunikationsprozess zum Ausdruck zu bringen, die Selbstkritik zu stoppen, sich selbst vergeben und sich annehmen zu können sind die Qualitäten, die erlernt bzw. vertieft werden können.

 

In der Kindererziehung bedeutet das u.a., in den Kindern keine Schuld- und Schamgefühle zu erzeugen oder zu verstärken.  Dies wird oft getan, wenn sie sich auf die Art und Weise verhalten, die Erwachsene nicht befürworten, um so ihr Verhalten zu steuern. In dem Moment, wo wir ihr Verhalten be- und verurteilen, haben wir nach Rosenberg mit der Gewalt in der Kommunikation zu tun.
Erst wenn wir diese Strategie unterlassen, praktizieren wir die Gewaltfreie Kommunikation, die als GFK bezeichnet wird.

Die Bereitschaft, hinter den Botschaften und Aussagen die wahren Gefühle und Bedürfnisse des Anderen zu erkennen und zu erfüllen, ist der Kern dieser Methode.

Die Kinder können erst dann die Erfahrung machen, dass es möglich ist, die echten Gefühle zu zeigen - wenn sie z.B. traurig oder wütend sein dürfen ohne dass man ihre Gefühle infrage stellt. Ungewollt wird das oft getan, indem man ihnen erklärt, dass sie aus bestimmten Gründen gar nicht traurig oder wütend zu sein brauchen  - oder sie gar von ihren Gefühlen ablenkt.

 

Rosenberg steht auch dem typischen „Trösten“ skeptisch gegenüber: es geht nicht darum, die Person durch Zureden, Ratschläge erteilen o. ä. schnell aus dem negativen Gefühl „rauszuholen“. Es handelt sich um die mitfühlende Präsenz, wodurch sie sich vorurteilsfrei angenommen fühlt und dadurch selbst ihre Trauer, Schmerz oder Wut aus der eigenen Kraft verarbeiten kann. Dadurch wird die Übereinstimmung mit sich selbst, mit dem innersten emotionalen Kern gefördert, dass zur persönlichen Authentizität führt.

 

 1) Ulich, Kienbaum, Volland in: Salisch, 2002, S.114

 Salisch, M. (2002) (Hrsg) Emotionale Kompetenz entwickeln: Grundlagen in Kindheit und Jugend. Stuttgard: Kohlhammer Verlag

Herzlichst

Alicja B.Aschmann