Empathie in der Erziehung - Pädagogik des Mitgefühls

3. Okt, 2015

Vor einiger Zeit konnte man im Internet ein erschütterndes Video über die Kaltherzigkeit, die anscheinend auf unseren Straßen herrscht, ansehen. De gleiche Szene wurde im Schnelltempo immer und immer wieder gezeigt; ein Mann auf Krücken stolpert und fällt auf die von Passanten überfüllte Straße. In der ersten Hälfte handelt es sich um einen wie ein Geschäftsmann wirkenden jungen Mann, im Anzug und mit der Aktentasche in der Hand. Die Vorbeigehenden sind sehr hilfsbereit, greifen dem Mann unter die Arme, heben ihn hoch , etc. - genau so, wie es sich der durschnittliche Zuschauer vorstellt, könnte man meinen. Im zweiten Teil ist es keine elegante Person mehr, sondern wie ein Obdachloser wirkender Mensch mit Kaputzenjacke, voll bepackt mit verschiedenen Gegenständen. Auch er stolpert und fällt, viele, viele Male – und kein einziger Fussgänger ist bereit, ihm zu helfen. Ja, manche bleiben stehen und starren ihn kurz an, um gleich ihren Weg weiter zu gehen... Die beiden Männer spielen hervorragend ihre Rollen, dieses Video ist sehr gut, lebensecht gemacht. Es wurde über 5 Milionen mal angesehen und alle äusserten sich empört über die offensichtliche Gefühlskälte in unserer Gesellschaft!

Auch ich selbst war geschockt und sehr bestürzt über das Verhalten der normalen Menschen auf der Straße. Es war mir spontan nicht bewußt, dass das Mitgefühl einem Menschen gegenüber, anders als Empathie bezeichnet, von den Äusserlichkeiten abhängen kann. Doch dann kamen mir sofort mehrere Szenen aus meinem eigenen Leben in Erinnerung, die das zu bestätigen scheinen. Ich kam mehrere Male in die Situationen, wo entweder auf der Strasse oder auch im Bus eine Person entweder, genau wie im Video, stolpert und fällt oder zu fallen droht – oder auf eine andere Weise bedürftig ist. Meistens handelte es sich entweder um be- oder angetrunkene oder verwirrte Menschen, die nicht dem Geschäftsmann im Anzug, sondern ganz klar dem Obdachlosen ähnelten. Bis jetzt habe ich mir nie darüber Gedanken gemacht – ich war nun damit beschäftigt, den Menschen zu helfen, und bin dann einfach weiter gegangen – aber es ist mir klar geworden, dass ich fast immer weit und breit die Einzige war, die sofort reagiert hat...

Anderseits werde ich nie eine Szene vergessen, wo ich selbst in Not war, auf der Straße. Ich war eine junge Studentin, sah nicht wie eine Bettlerin aus – also hat man mir sicherlich sofort geholfen, könnte man dem Video nach meinen? Weit gefehlt! Mich packten damals, ganz überraschend, meine monatlichen Schmerzen, während ich auf eine Straßenbahn wartete. Ich verlier nach und nach die Kraft zu stehen, mir war schlecht und schwindelig so dass ich mich an die Wand anlehnen musste. Irgendwann schaffte ich auch das nicht und senkte langsam der Wand entlang, unfähig auf den Beinen zu bleiben.... Keiner der Menschen, die um mich herum standen, kam zu mir und hat sich für mich interessiert. Ich hab mich schon wirklich ohnmächtig auf der Straße liegen sehen, als ich eine etwas merkwürdig klingende, doch sehr liebevolle Stimme hörte; „wat haste Mädchen, kann ich dir irgendwie helfen?“ Es war ein Mann, der schon ordentlich angetrunken war – aber nicht so sehr, um nicht zu merken, wie schlecht es mir geht... Er half mir auf die Beine und begleitete mich zu meinem Studentenheim, das sich gleich um die Ecke befand, wo sich meine Freundinnen um mich kümmerten.



Soviel zu meinen eigenen Erfahrungen bezüglich der Empathie gegenüber fremden bedürftigen Menschen. Der erste Teil scheint leider voll und ganz die Ergebnisse des Videos zu bestättigen. Doch warum hat man mir nicht geholfen, obwohl ich „normal“ und gepflegt ausgesehen hab? Und vor allem – wie kommt es, dass die Menschen kein Mitgefühl empfinden, wo doch jemand offensichtlich in Not ist und leidet? Wie werden wir als Gesellschaft so gefühlslos?

 

Die Erklärung kann man in den neuesten Untersuchungen zu Entwicklung der Empathie bei den Kindern finden. Es ist ein relativ wenig erforschter Bereich, denn die Bedeutung der Empathiefähigkeit für das gesunde Sozial – und Emotionalverhalten der Kinder – und später natürlich der Erwachsenen - wird erst seit einigen Jahren erkannt und untersucht. In der Zeit, wo die Gewalt auch schon unter den Kindern und Jugendlichen ständig wächst, macht man sich zunehmend darüber Gedanken, welche Faktoren dazu führen. Das Zauberwort lautet: das Einfühlungsvermögen, die Empathie, bzw. Störungen in diesem Bereich.

 

Jedes Neugeborene verfügt über besondere Nervenzellen, die Spiegelneuronen. Diese erst Mitte der 90er Jahre entdeckten Gehirnzellen ermöglichen ihm die reflexartige Nachahmung seiner Umgebung. Dadurch können die allerersten Kontakte mit dem Umfeld aufgenommen werden. Die Babys haben die Fähigkeit, mit den Mitmenschen in soziale Kontakte zu treten, indem sie die beobachtete Emotionen nachempfinden und das beobachtete Verhalten intuitiv nachahmen. Die Empathiefähigkeit ist also beim Menschen genetisch vorprogrammiert. Dieses Spiegelneuronensystem wird bereits durch das Hören typischer Geräusche oder die bloße Vorstellung der Tätigkeit, die eine andere Person ausführt, aktiviert. Das bedeutet im Klartext; wird das Baby von liebevollen, lebensbejaheden und optimistischen Bezugspersonen umgeben, wird es ihre Verhaltensweisen, Eigenschaften spiegeln.



Nun muss aber unbedingt betont werden, dass die erwachsenen Bezugspersonen, Eltern aber auch Erzieher/innen in der Lage sein müssen, eine liebevolle, empathische Beziehung zum Kind aufzubauen. „Kinder machen nie allen Personen alles nach, sondern nur denen, die sie bewundern, die für sie besonders wichtig sind, mit denen sie sich emotional eng verbunden fühlen. (...) Nur wenn die emotionalen Zentren im Gehirn aktiviert werden, geht auch die Gießkanne der Begeisterung an. Und dann wird das, was das Vorbild macht, nicht nur einfach nachgemacht, sondern auch richtig fest in Form entsprechend gedüngter und gewachsener Verschaltungsmuster im Gehirn verankert“ . (1)



Untersuchungen zeigen, dass ab dem Moment, wo sich die Kinder im Spiegel selbst erkennen können, Empathie, Hilfsbereitschaft und prosoziales Verhalten ständig anwachsen.Gleichzeichtig aber wissen wir, dass dieses Ergebnis oft von den Autoren angezweifelt wird - aufgrund der wachsenden Aggressivität zwischen den Kindern.

Allerdings deuten die neuesten Forschungsergebnisse daraufhin, dass es doch andere Faktoren gibt, die diese anscheinend tief menschliche altruistische Prägung abschwächen. Rosenberg seht die Gründe für diese traurige Entwicklung in der spezifischen Art unserer Sozialisation. Und tatsächlich – obwohl der von Anfang an angelegte „gute Kern“ in jedem schlummert, kommt er viel zu selten zur vollen Entfaltung inform einer altruistischen, prosozialen, empathischen Persönlichkeit. Warum? In den ersten drei Lebensjahren zeigen doch viele Kinder spontan Mitgefühl und sind sehr hilfsbereit. Was passiert später?



Spätestens ab dem Kindergartenalter werden die Kinder sehr stark von ihren Eltern beeinflußt, was das Hilfeverhalten angeht. Das Erziehungserhalten der Bezugspersonen beeinflusst im besonders starken Maße das Mitgefühl und die Hilfsbereitschaft der Kinder. In der späteren Kindheit und im Jugendalter setzten sich immer mehr die individuellen Persönlichkeitsunterschiede durch. Wir Erwchsene, Eltern und Erzieher, sprechen zwar viel von der Hilfsbereitschaft, Mitgefühl und Menschenwürde, doch die Untersuchungen zeigen, dass wir unsere Kinder eher daran hindern, dies Eigenschaften zu entwickeln, statt sie wirklich darin zu unterstützen... Und dann wundern wir uns über die Gefühlskälte in der Gesellschaft! (2)

 

Diese Untersuchungsergebnisse überraschen zunächst angesichts der gesellschaftlichen Empörung, die z.B. als Reaktion auf das asoziale Verhalten mancher Jugendlicher geäußert wird. Es scheint, als ob es sich hier tatsächlich um eine gewisse „Doppelmoral“ der Erwachsenen handelt. Spätestens in der Kita werden die Kinder dahingehend beeinflusst, ihre spontane Empathiefähigkeit und Hilfsbereitschaft in bestimmte, von den Eltern als sinnvoll angesehene Bahnen zu kanalisieren.Die Eltern vermitteln den Kindern, dass sie diese natürlichen Impulse kontrollieren sollen und nicht allen Menschen gegenüber die gleiche Empathie entgegenbringen sollen. Sie haben klare Vorstellungen über das Hilfeverhalten ihrer Kinder: „Der Empfänger sollte dem Geber vertraut sein, er sollte jünger, höchstens so alt wie der Geber sein, und die Kosten der Hilfe sollten niedrig sein, also wenig Einsatz erfordern, kein Risiko oder das Weggeben von etwas wertvollem implizieren“. (3) Die normativen Überzeugungen und sozialen Konventionen also führen dazu, dass die Kinder ihre Empathie und Hilfsbereitschaft einschränken und sie nicht allen Menschen gegenüber und in allen Situationen zeigen. Spätestens ab dem 3. Lebensjahr lernen sie von den Erwachsenen, dass nicht jedes Leid die gleiche Zuwendung „verdient“.

Ein stetes Anwachsen von Mitgefühl und prosozialem Verhalten ist daher nicht zu erwarten und auch nicht beobachtet worden.“ (4)

Es ist tatsächlich ziemlich schokierend, dies so Schwarz auf Weiß zu lesen: wir bringen unseren Kindern selbst bei, nicht „allzu“ gut zu den anderen zu sein. Und das stimmt, es gibt doch den Spruch: „Der Gute darf nicht der Dumme sein.“ Also – klar, du sollst helfen, aber du darfst nichts dabei verlieren, weder materiell noch emotional. Nur wenn es dich nichts kostet, ist es „nicht dumm.“ Du sollst auch genau auswählen, wem du hilfst, nämlich nur dem, den du kennst oder der dir vertraut erscheint. Folglich: meide alles Suspekte, alles was du nicht verstehst. Wenn du hilfst, soll die ganze Situation absolut überschaubar und einschätzbar für dich sein, sonst handelst du dumm und begibst dich auch noch in eine Gefahr.

Natürlich, handen die Eltern immer mit besten Absichten, um ihre Kinder vor der Ausbeutung oder Übervorteilung zu schützen – schließlich sind sie selbst so erzogen worden. Die Strategie sich eher abzugrenzen statt sich mit den Anderen zu verbinden scheint ja auch berechtigt zu sein in dieser Welt.

Nur, wenn wir alle so denken und unsere Kinder so konditionieren: wie kann sich da jemals etwas verändern? Vor Kurzem las ich einen Spruch, der mir im Gedächtnis hängen blieb:

„Wenn du eine Veränderung wünschst, werde selbst eine Veränderung!“



Jetzt komme ich wieder zu meinem Ausgangspunkt, zum Video. Ich glaube, es ist ziemlich klar geworden, warum sich die Menschen auf der Straße genau so verhalten, wie es dargestellt wurde. Aus Angst. Bei dem jungen, gut angezogenen Geschäftsmann war die Situation ganz überschaubar: der Mann ist schlicht gestolpert und es kostet nichts, ihm aufzuhelfen. Er ist den Menschen vertraut, sie können sich mit ihm identifizieren, da er seinem Aussehen und Verhalten nach die gesellschaftlichen Regeln und Normen  befolgt  und dabei offensichtlich auch erfolgreich ist. Es fällt nun leicht, jemanden zu helfen der so ist wie ich oder wie ich gerne sein würde. So wurden wir konditioniert, soweit reicht unsere tägliche Portion der Nächstenliebe aus.

An dem Obdachlosen gehen wir vorbei, weil er uns fremd ist. Es ist ein Wesen wie von einem anderen Stern – und alles was unbekannt ist, macht Angst. Und wir haben gelernt, vorsichtig zu sein, genau zu schauen, das Misstrauen walten zu lassen. Es hat sich auch oft so dargestellt, als ob wir mit dieser Haltung Recht hätten, deshalb geben wir sie auch weiter an unsere Kinder...

Ich glaube schon, dass der eine oder andere Passant sich komisch, gar unwohl gefühlt hat, als er den Obdachlosen fallen sah und dies ignoriert hat. Etwas in uns, die leise Stimme der Empathie, flüstert uns zu, dass es so nicht sein soll.... Doch die Macht der alten, unreflektierten Muster ist einfach zu groß, um sie durchzubrechen.

Doch warum hat mir, dem jungen Mädel keiner geholfen, als ich fast auf dem Boden lag, vor Schmerzen gekrümmt? Wieder das Gleiche: die Situation war nicht zuzuordnen. Ich sah zwar wie die anderen aus, doch meine Körperhaltung und mein ganzer Ausdruck waren nicht „normal“. Vielleicht dachte man, ich hätte Drogen genommen? Ein „normaler“ Mensch hockt nicht an der Wand... Ich denke auch, wenn der junge Mann im Anzug am Straßenrand liegen würde, statt sichtbar für ale zu stolpern, hätte er auch nicht so viele Helfer gefunden. Dann wäre die Situation nicht so übeschaubar.  Man hätte ihn  auch sicherlich nicht als harmlos und seinesgleichen angesehen, sondern als äußerst merkwürdig und mit Vorsicht zu genießen....

Es gibt auf jeden Fall aber einen Hoffnungsschimmer: aus den vorgestellten Forschungsergebnissen ist eindeutig zu schließen, dass die kindliche Bereitschaft zu Mitgefühl und Helfen durch die Veränderung des Erzieherverhaltens gefördert werden kann. Empathie kann und soll trainiert werden, denn es gibt keine bessere Prophylaxe gegen die Entstehung von Agressivität und Gewalt in der Gesellschaft. „In allen Ansätzen zur emotionalen Kompetenz spielt die Förderung und Entwicklung von Einfühlungsfähigkeit (Empathie) eine zentrale Rolle“. (5) Wir haben also mit der mitfühlenden Haltung den Mitmenschen gegenüber, die unsere Kinder spiegeln können, und mit unseren empathischen Erziehungsmethoden   einen enormen, positiven Einfluß darauf, welches Gesicht diese Welt in Zukunft tragen wird.

Diese Entwicklung möchte ich mit meiner Arbeit von ganzem Herzen unterstützen.

Herzlichst

Ihre Alicja B. Aschmann

 

 

  1. Hüther, G. (2014). Die Macht der inneren Bilder: Wie Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht GmbH

  2. Salisch, M. (2002) (Hrsg) Emotionale Kompetenz entwickeln: Grundlagen in Kindheit und Jugend S.116 Verlag Kohlhammer

    1. Salisch, M. (2002) (Hrsg) Emotionale Kompetenz entwickeln: Grundlagen in Kindheit und Jugend, S.124, Verlag Kohlhammer

    2. Salisch, M. (2002) (Hrsg) Emotionale Kompetenz entwickeln: Grundlagen in Kindheit und Jugend, S.215, Verlag Kohlhammer

    3. Salisch, M. (2002) (Hrsg) Emotionale Kompetenz entwickeln: Grundlagen in Kindheit und Jugend, S.130, Verlag Kohlhammer

3. Okt, 2015
28. Sep, 2015

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Bonn, 28.09.2015